Die Baukultur erfordert einen gesamtheitlichen Ansatz im Sinne der nachhaltigen Entwicklung.
Die Folgen des Klimawandels und der Verlust der biologischen Vielfalt betreffen uns alle und verändern die Art und Weise, wie wir unsere Lebensräume gestalten müssen. Diesen Herausforderungen müssen wir uns gemeinsam stellen und zusammen Lösungen finden. Bauen in jeder Form verändert den Raum und ist Ausdruck unserer Kultur. Baukultur umfasst Neubauten, Erhaltungsmassnahmen, die Pflege des historischen oder denkmalpflegerisch bedeutenden Bestandes, Infrastrukturen sowie Frei- und Landschaftsräume. Eine hohe Baukultur verlangt Qualität in einem ganzheitlichen Sinne, nicht nur in Bezug auf die Gestaltung, sondern auch auf die Nachhaltigkeit und soziale Aspekte. Das ist der Ansatz der Klimaoffensive.
Das Übereinkommen von Paris verpflichtet erstmals alle Staaten, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren. Das betrifft ganz besonders den Sektor Gebäude, der für etwa einen Viertel der Treibhausgasemissionen in der Schweiz verantwortlich ist. Hinzu kommt, dass die CO2eq-Statistiken des Bundes nur 10,4 Mio. Tonnen CO2eq für diesen Sektor ausweisen (Stand 2020 ). In Tat und Wahrheit verursacht der Bau von Gebäuden oder die Herstellung von Baumaterialien aber indirekte Emissionen in der Höhe von weiteren 11 Mio. Tonnen CO2eq, die zudem zum Teil im Ausland generiert werden. Die Klimaoffensive Baukultur legt dar, wie das Netto-Null-Ziel mit hoher Baukultur erreicht werden kann. Möglich ist dies durch eine glaubwürdige und zielführende Kombination von Konsistenz, Suffizienz und Effizienz. Dazu verwenden wir anerkannte Grundlagen, entwickeln Mengengerüste und stellen nachvollziehbare Berechnungen an.
Der Bausektor ist der grösste Abfallproduzent der Schweiz. Jedes Jahr werden in unserem Land 31’800’000 m3 Materialien verbaut und gleichzeitig werden 8’870’000 m3 Baustoffe abgebrochen. Ein Beispiel, um sich dieses Volumen besser vorstellen zu können: Mit den Baustoffen, die jährlich abgerissen werden, könnte jedes Jahr eine 4 m hohe und 1935 km lange Mauer gebaut werden – eine Mauer also, die einmal um die ganze Schweiz reicht. Eine hohe Baukultur fördert die Kreislaufwirtschaft und orientiert sich am 5R-Prinzip: Refuse, Reduce, Reuse, Repair, Recycle. Gefordert sind weniger neue Vorhaben, langlebige Produkte, dauerhafte Konstruktionen, eine Wiederverwendung von ganzen Bauteilen oder deren Reparatur sowie das Recycling von Materialien. Nur so können wir unseren Energieverbrauch senken und einen neuen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen und den bestehenden Bauten in die Wege leiten.
Der schützenswerte Bestand verliert seine Denkmalqualitäten auch bei Netto-Null nicht. Die Möglichkeiten von energetischen Massnahmen an schützenswerten Objekten sind vielfältig und lassen sich spezifisch auf die Klimaziele ausrichten. Durch eine denkmalgerechte Optimierung der Bauteile kombiniert mit Nutzungsanpassungen und dem Einsatz von erneuerbaren Energien sind auch geschützte Objekte Netto-Null-fähig. Dank der energetischen Verbesserung des Gebäudeparks, die in den vergangenen zehn Jahren durch Gesetze, Vorschriften und Subventionen gefördert wurde, konnten die CO2eq-Emissionen im Vergleich zu 1990 um etwa 40 % gesenkt werden. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings oft eine mangelnde baukulturelle Qualität. Geschützte Bauten sind eine Inspiration für gelebte Nachhaltigkeit. Sie verdienen Respekt und massgeschneiderte Lösungen. In der sorgfältigen Verknüpfung von neuer und bestehender Architekturqualität liegt ein grosses Potenzial. Heute leben 75 % der Schweizer Bevölkerung in Städten. Beim Bau von neuen Einfamilienhausquartieren wird zwar auf die Energieeffizienz geachtet, aber solche Projekte führen zu einem neuen Mobilitätsbedarf und entziehen der Natur den Boden. Wenn Gebäude zudem immer dicker und schwerer werden, um die teilweise sehr strengen Normen und Konventionen zu erfüllen, steigen der Ressourcenverbrauch und die CO2eq-Emissionen während des Bauprozesses. Um die Zersiedelung zu stoppen, müssen städtische Gebiete verdichtet werden. Parallel dazu ist es aber entscheidend, die biologische Vielfalt zu erhalten und hochwertige, integrative Lebensräume zu schaffen – Lebensräume mit einem breiten Spektrum an Aktivitäten und Dienstleistungen, die nicht nur für alle zugänglich sind und den täglichen Bedarf decken, sondern auch für Wohlbefinden sorgen und vor allem die Möglichkeit bieten, soziale Bindungen zu knüpfen.